16. September 2021

Du musst auch mal ein bisschen an dir arbeiten.

Ein Satz, den ich so oder ähnlich, teils auch als nicht ausgesprochene Reaktion, schon mein ganzes Leben lang ständig zu hören und zu spüren bekomme. Und der natürlich irgendwann dazu geführt hat, dass ich angefangen habe, an mir zu arbeiten.

Ich habe angefangen, an mir zu arbeiten, als ich als Kindergartenkind nachts im Bett wach gelegen habe und alle möglichen Situationen des Tages nochmal habe Revue passieren lassen und überlegt habe, wie ich hätte anders und besser reagieren können.

Ich habe an mir gearbeitet, als ich jeden Tag – leider meist erfolglos – krampfhaft versucht habe nach einem Schultag im Overload noch meine häuslichen Pflichten und meine Hausaufgaben zu erledigen.

Ich habe an mir gearbeitet als ich aufgrund von ausgeschlossen werden und Mobbing angefangen habe, ständig vor dem Spiegel Mimik und Gestik zu trainieren und mich selbst mit dem Kassettenrekorder aufgenommen habe, um mehr Tonalität in meine Stimme und mein Lachen zu bekommen, damit ich auf andere selbstbewusster und sympathischer wirke.

Ich habe an mir gearbeitet als ich – bereits mit 13/14 Jahren – dutzende Psychologiebücher gelesen habe und versucht habe, das Gelernte an mir selbst anzuwenden.

Ich habe an mir gearbeitet als ich, um meine Angst und die Scham, allein die Wohnung zu verlassen stundenlang in Panik schweißgebadet, zitternd und teils hyperventilierend an der Wohnungstür stand und versucht habe, raus zu gehen. Und es irgendwann nach Jahren auch geschafft habe.

Ich habe an mir gearbeitet, als ich nach jedem Burnout und Phasen der völligen Handlungsunfähigkeit immer wieder versucht habe, eine Ausbildung, ein Studium oder einen Job anzufangen, nur um dadurch wieder im Burnout und der völligen Handlungsunfähigkeit zu landen.

Ich habe an mir gearbeitet, als ich tagein tagaus viele Stunden damit verbracht habe, zu analysieren und zu versuchen mir zu erklären, warum die Menschen um mich herum so sind wie sie sind und das zu akzeptieren und vielleicht sogar zu verstehen.

Mein ganzes Leben besteht aus „an mir arbeiten“. Jeden Tag. Ich stelle permanent meine Gefühle in Frage, meine Handlungen, meine Gedanken. Der Druck ist so groß, dass ich das quasi immer mache. Es gibt nicht viele Momente, in denen ich mir erlaube, einfach nur ich zu sein. Ich denen ich nicht darüber nachdenke, wie ich bin, warum ich so bin und wie ich das ändern kann. Und nicht selten löst es instant Angst aus, wenn ich mich dabei ertappe, dass ich gerade einfach ich bin.

Denn ich kenne die Gefahren, die an jeder Ecke lauern, wenn ich mir das erlaube. Die Wände gegen die ich rennen werde, das Unverständnis und die Ablehnung, die ich ernten werde, die Möglichkeiten, die sich mir verschließen werden.

Und dennoch bekomme ich weiterhin zu hören oder impliziert, dass ich doch auch mal ein bisschen an mir arbeiten müsse. Dass ich doch auch mal versuchen müsse aus meiner Komfortzone heraus zu kommen.

Weil all das nicht reicht. Ich kann mich ein Leben lang zerbiegen und zerbrechen und mich an mir kaputt arbeiten, von außen betrachtet bin ich wohl immernoch zu „anders“. Und so setzt man voraus und unterstellt mir, ich hätte noch nie auch nur auch nur ansatzweise versucht, an mir zu arbeiten.

Diese Unterstellung löst bei mir nur Hilflosigkeit und Verzweiflung aus. Wenn sie von Leuten kommt, deren „an sich arbeiten“ lediglich aus so Kleinigkeiten besteht, wie sich eine App zu installieren, die sie ab und zu daran erinnert, mehr zu trinken und die schonmal einen Kommunikationskurs besucht haben. Während mein Kommunikationskurs seit über 40 Jahren ununterbrochen läuft und nicht selten mit Bestrafung einhergeht, wenn ich es falsch mache. Und die mir dann sagen, ich … soll … doch … mal …

Spätestens seit meiner Autismus-Diagnose, aber zum Teil auch schon vorher, ist mir klar geworden, dass ich dringend damit aufhören muss, die ganze Zeit nur an mir zu arbeiten. Weil das extrem ungesund ist. Weil ich auf diese Art niemals ich sein kann und mein Leben leben kann, so dass es sich auch wie ein Leben anfühlt.

Wie soll ich je ein halbwegs gesundes Selbstwertgefühl entwickeln und mich selbst akzeptieren können, wenn ich mein ganzes Sein in Frage stelle, in dem ich alles an mir als „daran muss ich arbeiten“ ansehe?

Seit 8 Jahren versuche ich das zu reduzieren. Aber es ist wirklich schwer, wieder los zu werden, worauf man sein ganzes Leben lang ziemlich intensiv konditioniert wurde. Da enstehen Automatismen, derer man sich erstmal wieder bewusst werden muss. Und sie dann erkennen muss, sobald sie aufploppen. Und dann die Kraft und den Mut aufbringen muss, zu sich selbst zu sagen: „Nein. Ich muss das jetzt nicht an mir ändern. Ich darf so fühlen und denken, wie ich nunmal fühle und denke. Ich darf sogar entsprechend handeln. Das ist legitim, das ist mein Recht als Mensch.“

Und auch das bedeutet wieder jede Menge beständiger und jahrelanger Arbeit an mir selbst. Die ich machen muss, um aus dieser Nummer wieder heraus zu kommen.

Ich arbeite also weiterhin an mir. Aber meine Ziele haben sich seit meiner Autismus-Diagnose geändert. Mein Ziel ist nicht mehr, mich dieser Gesellschaft anzupassen, anderen Menschen zu gefallen, mich zu verbiegen um es anderen Recht zu machen und deren Erwartungen zu erfüllen.

Mein Ziel ist jetzt, mich selbst zu mögen und zu akzeptieren. Für mich selbst einstehen zu können. Mich nicht mehr zu hassen und zu verachten. Mich gegen feindselige Übergriffe wehren zu können. Ich möchte erreichen, ein Leben zu haben, dass sich wie ein Leben anfühlt. In welchem ich sein darf, wie ich bin und in welchem es Raum für mich gibt und in welchem ich atmen kann.

Dazu gehört auch, mich selbst von Umständen zu verschonen, die mich kaputt machen. So gut es geht. Von Menschen, die nicht bereit sind, mich zu akzeptieren und Rücksicht auf mich zu nehmen. Von Situationen, die für mich unerträglich sind, während ich dabei nach außen so tue, als wär nichts und als würde es mir gut gehen. Ich kündige das auf. Ich muss mir das nicht mehr antun, nur irgendeiner willkürlichen „Normalität“ zuliebe, die an meinen Bedürfnissen komplett vorbei geht. Scheiß drauf.

Ich habe bereits ein Stück dieses Weges hinter mir und ich habe noch ein ganzes Stück vor mir. Aber ich werde von diesem Weg nicht mehr abweichen, egal wer wieviel von außen auf mich einwirkt, dass ich doch auch mal an mir arbeiten soll, um ihnen in den Kram zu passen.

Und ich möchte alle Menschen, die in ihrem Umfeld Autistinnen haben – besonders autistische Kinder – bitten, ihnen nicht dasselbe anzutun.

Hört auf, zu versuchen, uns auf „normal“ zu eichen. Hört auf, uns in quälende reizüberflutende Situationen zu zwingen, um uns daran vermeintlich zu gewöhnen. Hört auf, uns normal wirkende Kunststückchen, wie Blickkontakt und Lächelei und Smalltalk und ähnlichen albernen Kikifax anzudressieren. Bitte lasst es einfach, wir sind nicht eure Zirkusäffchen und wir haben auch ohne das schon genug auszuhalten. Ihr könnt das ja selbst alles machen, wenn euch das wichtig ist und euch das glücklich macht. Aber lasst uns bitte damit in Ruhe.

Mehr als mein halbes Leben ist vorbei und es ist – außer meiner frühen Kindheit – fast nichts vorhanden, das sich für mich wie „leben“ angefühlt hat. Nur Jahrzehnte weitgehend sinnloser, selbstverleugnender Schwerstarbeit an mir selbst, die mir nichts gebracht hat. Im Wechsel mit Phasen des nur noch vor mich in Vegetierens und des Verlusts meiner Identität. Verlorene Jahrzehnte.



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